Gefühle zulassen statt verdrängen

warum weniger Wille mehr verändert

Da sein lassen statt verändern

Es geht schnell. Sobald wir in einen Modus kommen, den wir nicht mögen, versuchen wir etwas zu verändern. Egal ob bei der Arbeit, im Privaten, in unserem Intimleben, bei Freunden oder im Familienkontext. Gefühle, die wir nicht mögen, lösen meist den Impuls aus, sie nicht zu fühlen. Verhalten, das nicht „erwünscht" ist, sind wir uns so oft gewohnt, sofort zu überspielen.

Das Herzklopfen vor einem schwierigen Gespräch, das wir am liebsten wegatmen würden. Der Kloss im Hals während einem Streit. Die Wut, die sich im Brustkorb aufbaut und die wir schnell wieder runterschlucken. Statt ein „jetzt-reichts-mir" sagen wir vielleicht lieber ein „ist-schon-ok-für-mich". Wir umgehen damit einen Konflikt, decken ein Harmoniebedürfnis ab oder passen uns an (vermeintliche) gesellschaftliche Richtlinien an. Auch innere Glaubenssätze spielen dabei eine zentrale Rolle. Wo ein „ich bin zu viel" in einem steckt, wird ein Wunsch von „ich will jetzt geniessen" schnell mal hinten angestellt. Statt sich zu nehmen, was sich das System von Herzen wünscht, wird zurück gestellt, auf einen anderen Modus geschaltet. Die Seite, die möchte, wird weggeschoben und stattdessen vielleicht das Programm von „ich gebe lieber" abgespielt.

Sexualität und unsere Schutzmauern

Besonders deutlich wird das in der Intimität. Erleben wir intime Momente mit einem (oder auch mehreren) Gegenüber(n) kann es manchmal umso leichter passieren, dass wir uns in Auswege flüchten. Dass wir nicht dasein lassen wollen, was ist. Schliesslich lassen wir in intimen Begegnungen wortwörtlich unsere Hosen runter. Nicht nur unser Körper kann dabei zur Schau gestellt werden, sondern schnell auch unsere Gefühle. Flaut eine Erregung ab und wir erlauben uns dem nachzugehen, könnte schnell die Frage kommen „was ist denn los?". Hören wir auf unseren Körper, der gerade einen Wechsel der Intensität wünscht, könnte dies Unsicherheit beim Gegenüber auslösen. Geht die Lust plötzlich verloren während wir gerade voll „bei der Sache" sind und wir würden dies kommunizieren, könnte dies enttäuschen oder verärgern. Oder wir sind einfach müde – und funktionieren trotzdem, weil es einfacher scheint als zu sagen, was wirklich ist.

Es kann sich manchmal leichter anfühlen, den Körper zurück in die Lust zu pushen. Mit einem Abtauchen in die Fantasiewelt, dem Hervorholen von Bildern. Es kann sich sicherer anfühlen, sich stark zu geben, als Gefühle zu zeigen.

Egal ob in der Sexualität oder in anderen Lebensbereichen: Ich bin davon überzeugt, dass wir uns weniger verändern müssen. Dass wir mehr da sein lassen dürfen, was ist – und genau das dazu führt, dass es sich ganz von alleine verändern wird.

Das natürliche Gesetz der Veränderung

Es gibt Menschen die können gut mit ihren unerwünschten Seiten umgehen, ihre Grenzen setzen und für sich einstehen. Freundlich sein mit sich. Und es gibt Menschen, die können das weniger gut. Ehrlich gesagt, kenne ich niemand, bei dem das immer einfach ist. Mich mit eingeschlossen.

Doch auch wenn es manchmal Mut braucht, hinzuschauen, auf das, was da - es kann so enorm heilsam sein! Hören wir auf ein Verhalten oder ein Gefühl wegzudrücken, machen wir ihm Platz. Was Platz bekommt, wird gesehen, gelebt, darf da sein. Und was da sein darf, wird sich verändern. Ganz automatisch, unumgänglich. Glaubst du nicht? So ist es aber überall.

Schauen wir nur einmal in die Natur, wird klar, dass nichts, was da ist, gleich bleibt. Gerade weil die Natur sich im Winter zurück zieht, weil sie auf Pause schaltet und der Kälte und Dunkelheit Raum gibt, ist es im Frühling unumgänglich, dass das Leben wieder zurück kommt. Würden sich die Pflanzen gegen den Winter wehren, würden die Samen bereits in der Kälte aufbrechen. Die Jungpflanzen würden erfrieren und der Frühling würde ausbleiben. Das Leben braucht die Dunkelheit. Es braucht das In-sich-Zusammenziehen, um sich auszudehnen. Der Beweis dafür, dass sich verändert, was da sein darf, ist das Leben selbst. Es ist Veränderung, es ist Umwandlung. Nichts bleibt, nie. Ob das nun das Traurigste oder das Schönste daran ist, ist dem Leben selbst wohl vollkommen egal.

Und genau so wie in der Natur, ist es auch in unserem eigenen Leben. Lassen wir unseren Anteilen, unseren vermeintlichen Fehlern, unseren dunkelsten Gefühlen, die wir nicht mögen, einmal ihren Platz – statt sie wegzudrücken – können wir sie sehen. Dann können sie gefühlt werden. Gelebt werden und sich verändern.

Wenn Vermeidung gesund ist

Doch manchmal – und das ist genauso wichtig – macht das Wegdrücken vollkommen Sinn. Unser Nervensystem ist klug. Es schützt uns, wenn der Moment noch nicht sicher genug ist. Wenn wir in einem schwierigen Gespräch bei der Arbeit etwas zurückhalten müssen. Wenn wir in einem Streit den Impuls unterdrücken, verletzend zu werden. Dann ist das Unterdrücken keine Blockade – es ist eine Fähigkeit.

Der Unterschied liegt im Bewusstsein. Unterdrücken wir laufend und ohne es zu bemerken, bleibt das Unterdrückte auch dann vergraben, wenn wir eigentlich bereit wären, es zu fühlen. Bemerken wir es aber – dann können wir wählen. Wir können entscheiden, es für später aufzuheben, bis wir uns in einem sicheren Rahmen befinden. Bei einem vertrauten Menschen. In einer Beratungssitzung. Oder einfach allein, wenn die Stille es erlaubt.

Es gibt auch äussere Einflüsse, die das natürliche Fliessen ins Stocken bringen. Traumatische Erlebnisse, körperliche Erschöpfung, anhaltende Beziehungsprobleme oder krankheitsbedingte Faktoren – manchmal braucht unser System Unterstützung, um wieder in Fluss zu kommen. Das bedeutet nicht, dass etwas kaputt ist. Im Gegenteil: Sich Hilfe zu holen ist selbst ein Akt des Da-sein-Lassens. Der Tatsache Raum geben, dass es gerade zu viel ist. Dass es alleine nicht geht. Und dass das vollkommen in Ordnung ist.

Das Bemerken liegt im Anfang. Wenn wir wahrnehmen, was wir gerade tun – ob wir fliessen oder feststecken, ob wir schützen oder verdrängen – dann braucht es gar nicht mehr so viel. Keinen Kopf, der ständig sagen muss: „Reg dich nicht auf." Keine Vernunft, die alles unter Kontrolle halten muss. Veränderung kann ganz leicht sein, wenn sie nicht nur über den Kopf und Kontrolle geschieht.

Warum wir weniger Wachstum brauchen

Wir brauchen kein An-uns-Schaffen, keine ständige Persönlichkeitsentwicklung, keine Erhöhung unseres Potenzials. Ganz ehrlich, schon allein bei diesen Begriffen, zieht sich in mir alles zusammen. All das ist doch nur Ausdruck einer Gesellschaft, die vor allem an Gewinn interessiert ist. Wollen wir denn ständig weiter wachsen? Wie würde ein Baum aussehen, der nie aufhören würde zu wachsen? Er würde wohl nicht seine sonst hundert Jahre als werden und vorher einknicken. Nein, was wir doch wirklich brauchen, ist das fliessen im Leben selbst. Das annehmen und wieder gehen lassen. Das erblühen und welken. Wollen wir wirklich in Frieden kommen mit uns und unserem Leben, dürfen wir uns einfach erlauben mehr zu fliessen.

Wenn du einen sicheren Raum suchst, um etwas da sein und Blockaden fliessen zu lassen – ich freue mich, von dir zu hören. In meiner Praxis in Zürich, Kreis 6 für Sexualtherapie und psychologische Beratung mit Hypnose sind Termine verfügbar.

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Sexualtherapie & Psychologie – wenn Sexualität zum Spiegel wird