Die Schale der Liebe – Ein Neujahrsgedicht über Selbstfürsorge

Ich hoffe, du hattest einen für dich stimmigen Übergang in dieses neue Jahr. Doch auch wenn nicht – dies war zum Glück erst der Anfang, und im Vergleich zum ganzen Jahr, das noch vor dir liegt, muss dieser Moment gar nicht so gross sein.

Während der Rauhnächte bin ich über ein Gedicht gestolpert, das mich tief berührt hat. Ein Gedicht über Selbstfürsorge, die nichts mit Egoismus zu tun hat. Über eine Art zu leben, von der ich glaube, dass sie für uns alle wichtig wäre – auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht immer gleich möglich ist, so zu leben.

Vielleicht ist es sogar ein Gedicht über einen tiefen Wunsch: von einem liebevolleren, verständnisvolleren Miteinander, in dem jeder Mensch das in die Welt fliessen lassen darf, was sie oder er aus dem Inneren mitbringt. Ohne sich dabei selbst zu vergessen. Ohne sich selbst zu leeren.

Dieses Gedicht möchte ich dir von Herzen für 2026 mit auf den Weg geben. Vielleicht liest du es und vergisst es gleich wieder. Vielleicht klingt etwas an – ein Gefühl, ein Gedanke, ein Wunsch. Vielleicht kommt es dir irgendwann in diesem Jahr wieder in den Sinn, und du möchtest es nochmals lesen.

Und wer weiss: Möglicherweise hilft es dir irgendwo, für dich einzustehen. Zu bemerken, wenn etwas zu viel wird. Innezuhalten und dir zu erlauben, dich aufzutanken – auf welche Art und Weise auch immer für dich die passende sein wird.

Sei freundlich zu dir. Du hast es verdient.

Die Schale der Liebe

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle,
wenn nicht, schone dich.

- von Bernhard von Clairvaux

Was mir dieses Gedicht sagt

Dieses Gedicht aus dem 12. Jahrhundert, geschrieben vom Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux, spricht etwas aus, das heute aktueller denn je ist: Du kannst nicht aus der Leere geben.

Oft erlebe ich in meiner Arbeit Menschen, die sich selbst vergessen haben. Die für andere da sind, für ihre Kinder, ihre Partner*innen, ihre Eltern, ihre Arbeit – und dabei ausgelaugt sind. Die funktionieren, aber nicht mehr leben. Die geben und geben und geben, bis nichts mehr da ist.

Das Bild der Schale ist so klar: Sie wartet, bis sie gefüllt ist. Erst dann gibt sie weiter, was überfliesst. Nicht, was sie zum Überleben braucht. Sondern das, was zu viel ist. Das Überströmen, nicht das Ausströmen.

"Wenn du mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?"

Diese Frage ist so wichtig. Denn wie können wir wirklich präsent, liebevoll, geduldig sein, wenn wir selbst am Ende unserer Kräfte sind? Wie können wir anderen begegnen, wenn wir uns selbst nicht begegnen?

Selbstfürsorge ist WIRKLICH wichtig!

Selbstfürsorge wird oft missverstanden als egoistisch, als selbstbezogen, als Rückzug von der Welt. Wir lernen, dass es toll ist, anderen zu schauen. Manchmal sogar, dass wir als Mensch mehr wert sind, wenn wir geben und geben. Doch das Gegenteil ist wahr: Echte Fürsorge für andere beginnt bei uns selbst.

Nur wenn wir uns selbst mit Freundlichkeit begegnen, können wir anderen wirklich begegnen. Nur wenn wir uns selbst erlauben, zu ruhen, können wir für andere da sein, ohne uns aufzuopfern. Nur wenn wir unsere Schale füllen lassen, können wir aus der Fülle geben. Und ich bin davon überzeugt, dass nur, was aus der Fülle kommt, auch für andere wirklich hilfreich sein kann.

Das bedeutet nicht, dass wir perfekt sein müssen. Es bedeutet nicht, dass wir immer ausgeglichen sein müssen, bevor wir für andere da sein dürfen. Es bedeutet: Wir dürfen uns selbst auf dem Weg mitnehmen.

In diesem Sinne wünsche ich dir ein wunderbares, lehrreiches, stimmiges 2026.

Alles Liebe,
Nora

Weiter
Weiter

Die Zeit zwischen den Jahren – Wenn schwere Gefühle hochkommen