Wir sind viele

Warum ich glaube, dass es keine erfüllte Beziehung ohne diese Erkenntnis gibt

Wir sind ein Haufen an Widersprüchen

Ein Mensch ist komplex. Mal bin ich hin und her gerissen, mal ganz klar. Ein und dieselbe Situation kann mich an einem Tag nur mit den Schultern zucken lassen – und am nächsten rasend vor Wut machen. Bei einer Terminabsage atme ich das eine Mal erleichtert auf und nehme die leere Zeit dankbar an. Beim nächsten Mal verletzt mich die gleiche Absage tief und lässt mich unwichtig fühlen. Ich bin immer wieder anders – und damit verändert sich auch, wie ich die Welt und die Menschen um mich herum wahrnehme.

Manchmal glauben wir, wir müssten klarer sein. Genau wissen, was wir wollen. Die eine richtige Entscheidung finden. Wir denken, wir seien nur eins. Genau das ist es, was ich für eine der grössten Fehlannahmen in Beziehungen halte.

Wir sind viele

Denn ein Mensch ist niemals nur eins. Wir alle sind viele – ein ganzer Haufen Menschen in einem. Da ist vielleicht der Teil in mir, der in Beziehung nicht sagt, was ihn stört, aus Angst vor Konflikt, Ablehnung, Alleinsein. Und da ist der Teil, der sich bei der Arbeit Gehör verschafft, der zu seiner Meinung steht und sie fast furchtlos vertritt. Das Aufbrausende, das Zurückhaltende – beides bin ich.

Warum das für Beziehungen entscheidend ist

Gehen wir davon aus, dass wir nur einer sind, wird das fatal. Denn bin ich nur einer, ist es auch mein Gegenüber. In einer Beziehung mit einem Menschen, der nur eins wäre, würde jede Aussage, jede Handlung, jedes Gefühl absolut werden. Ist diese Person wütend auf mich, wäre kein Teil mehr da, der gleichzeitig noch liebt. Zieht sich ein Teil von mir zurück, wäre niemand mehr da, der in Beziehung bleibt. Das kann schnell enormen Stress auslösen.

Es ist um einiges erträglicher, in einem Streit zu wissen, dass da gerade nur ein Teil meines Gegenübers wütend auf mich ist. Dass sich dieser Teil vielleicht sogar gerade verletzt und hilflos fühlt und nur deshalb laut schreit. Und dass die Geschichte dieses Teils meist gar nicht mit mir begonnen hat – und meine "Handlung" nur der Auslöser war, nicht die eigentliche Ursache.

Genau hier beginnt für mich die eigentliche Arbeit an einer erfüllten Beziehung: nicht im Lösen von Konflikten, sondern im Erkennen, dass hinter jedem Konflikt oder jedem Beziehungsproblem viele Stimmen sprechen – und immer nur eine davon gerade laut ist.

Die eigenen Teile kennenlernen

Meine Teile kennenzulernen ist für mich deshalb keine Nebensache, sondern die Grundlage. Weiss ich um meine Multiplizität, kann ich beginnen zu erkennen, was mein wahres Selbst dahinter ist. Kennst du Momente, in denen du ausser dir bist vor Wut – blind vor Wut? Und kennst du auch Momente, in denen du wütend bist und dich gleichzeitig selbst dabei beobachtest? In denen du wahrnimmst: Wow, jetzt bin ich gerade sehr wütend. Wer oder was nimmt das wahr? Was ist da, das die Wut beobachten kann, ohne selbst die Wut zu sein?

Lernen wir unsere Teile kennen, können wir lernen, uns nicht mehr von ihnen vereinnahmen zu lassen. Ich kann noch immer wütend werden, noch immer traurig sein – doch da ist jetzt ein Bewusstsein, dass das nicht alles ist, was ich bin. Die Teile werden aktiviert, aber sie übernehmen nicht mehr vollständig. Wut darf da sein. Sie macht mich nur nicht mehr blind, und ich kann herausfinden, was sie mir sagen möchte.

Konkret im Alltag

Konkret heisst das: In einem Konflikt kann ich wissen, dass gerade ein verletzter Teil in mir spricht – und gleichzeitig sehen, dass das mehr mit mir zu tun hat als mit meinem Gegenüber.

Meine eigenen Anteile zu kennen, und die meines Gegenübers zu ahnen, erlaubt uns beiden, in der Beziehung alles sagen zu dürfen. Mit allem Sein zu dürfen. „Ein Teil von mir nervt sich gerade über dein Verhalten." „Ein anderer hat Mühe, das mitzuteilen, aus Angst, dich zu verletzen." „Etwas in mir hätte gerade den Wunsch nach Nähe." „Etwas anderes zieht sich zurück, weil es nicht verletzt werden möchte." Genau das ist der Unterschied zwischen einem Vorwurf und einer ehrlichen, verletzlichen Aussage – und genau darin sehe ich den Kern einer erfüllten Beziehung.

In meiner Praxis

In meiner Praxis sehe ich es immer wieder: die ständigen kleinen Kriege in Beziehungen. Sie ziehen sich durch den Alltag, durch die Sexualität, durch die Intimität. Jemand fühlt sich nicht gesehen, das Gegenüber spürt Druck, alles richtig machen zu müssen. Eine Genervtheit kann nicht kommuniziert werden, aus Angst vor einem Konflikt.

Doch was, wenn jede*r die Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen würde? Wenn mir klar wäre, dass ich einen strengen Tag hatte – und mich deshalb das achtlose Begrüssen am Abend zuhause verletzt? Wenn ich wüsste, dass ich eigentlich eine liebevolle Umarmung gebraucht hätte, und gleichzeitig wüsste: Mein Gegenüber ist nicht verantwortlich für mein Wohlergehen?

Ich würde mich selbst befreien. Es gäbe mir die Erlaubnis, meine Bedürfnisse anzubringen, statt sie stumm auszuhalten. Und es würde mein Gegenüber davon befreien, auf jede meiner Regungen reagieren zu "müssen". Eine Genervtheit dürfte einfach da sein, ohne gleich "gefixt" werden zu müssen. Und was da sein darf, darf sich auch wieder verändern.

Wird das zur gelebten Praxis, verändert sich nicht nur, wie ich mit mir selbst umgehe – sondern auch, wie ich in Beziehung bin. Und genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einer Beziehung, die überlebt, und einer, die sich erfüllt anfühlt.

Verantwortung für die eigenen Gefühle

Wer trägt die Verantwortung für ein aufkommendes Gefühl? Die manchmal ernüchternde Antwort: Sie liegt meist bei der Person, die das Gefühl gerade hat – und nicht beim nervigen oder bösen Gegenüber. Eine Aussage, die mich zutiefst verletzt, kann jemand anderes kalt lassen. Das Verletzte entsteht bei mir selbst und hat mit meinen Anteilen und meiner Geschichte zu tun. Niemand anderes kann mein Gefühl für mich langfristig verändern – das kann nur ich selbst. Und das heisst nicht, dass ich sofort etwas tun oder lösen müsste. Oft reicht es, mit einem Gefühl einfach sein zu dürfen, ohne es korrigieren zu wollen. Nur im Sein, nicht im Tun, kann es sich auf lange Sicht wirklich wandeln.

Das ist die oft ernüchternde Realität im Gegensatz zu dem Hollywoodbild, das wir von Beziehungen bekommen haben. Denn da gibt es die eine Person, die mich glücklich machen wird. Ich muss sie nur finden, und alles wird ein Happy End. Die Realität ist zum Glück ganz anders. Ich muss mich auch selbst glücklich machen können. Dabei darf ich mir durchaus Hilfe holen – wir müssen nicht alles allein schaffen. Aber ich muss mir meiner eigenen Anteile bewusst sein und darf Unterstützung annehmen, ohne den Job, mir selbst Liebe zu geben, vollständig an meinen Partnerin auszulagern.

Doch was meine ich damit, dass die Realität zum Glück anders ist? Wäre ich in einer Hollywood-Liebesgeschichte, in der nur mein Gegenüber mich glücklich machen könnte, wäre ich in völliger Abhängigkeit gefangen. So aber bleibe ich frei – und kann gerade deshalb aus vollem Herzen lieben, empfangen und geben.

Fazit

Je länger ich in meiner Praxis arbeite, desto klarer wird mir: Ich glaube nicht, dass ich Beziehung wirklich geniessen kann, wenn ich mich nur als eins sehe. Dann wird sie zum Kampf. Dann wird so vieles, was aus Schutz passiert, zur Verletzung. Dann wird so vieles, was aus Unsicherheit entsteht, zu Einsamkeit.

Wenn du selbst merkst, dass das mit dir resoniert (oder mit einem Teil von dir :)), darfst du dich gerne für eine Einzel- oder Paarberatung melden:

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Häufige Fragen

Ist das nicht einfach eine andere Bezeichnung für eine gespaltene Persönlichkeit?
Nein. Innere Vielfalt ist ein normaler, gesunder Teil des Menschseins – jede*r von uns kennt unterschiedliche Seiten in sich, je nach Situation. Es geht nicht um eine Störung, sondern um die Fähigkeit, diese Anteile bewusst wahrzunehmen, statt von ihnen übernommen zu werden.

Wie finde ich heraus, welche Teile in mir gerade aktiv sind?
Oft beginnt es mit einer einfachen Frage in einem intensiven Moment: Wer in mir fühlt gerade was? Das braucht Übung – und genau hier setzt die Arbeit in meiner Praxis an.

Kann ich das auch gemeinsam mit meinem Partner/meiner Partnerin erarbeiten?
Ja, das ist sogar oft besonders wirksam. Wenn beide ihre eigenen Anteile kennen und benennen können, verändert sich, wie ihr miteinander sprecht – aus Vorwürfen werden oft ehrliche, verletzliche Aussagen. Aus Trennendem kann so extrem Verbindendes werden.

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